Mittwoch, 22. Juli 2015

lessico famigliare - Lektüretipp


Lorenza Gentile: Teo
Von kleinen und großen Helden und wie sie das Leben meistern


Mit Teo um die Welt: Vom Einaudi Verlag in Turin (links) über Deutschland (Mitte) nach Korea (rechts).


«Mi chiamo Teo, ho otto anni e voglio incontrare Napoleone. Ho una battaglia molto importante da vincere e lui è l'unico che mi può aiutare. Per incontrarlo mi tocca morire, però, perché Napoleone è un morto». 

»Ich heiße Teo, ich bin acht Jahre alt, und ich will mit Napoleon reden. Ich muss eine sehr wichtige Schlacht gewinnen und er ist der Einzige, der mir dabei helfen kann. Aber wenn ich mit ihm reden will, muss ich sterben, denn Napoleon ist schon tot.« (Übersetzung von Annette Kopetzki)

Bereits der erste Satz dieses Buches schafft es, einen ganz individuellen Ton anzuschlagen, der die gesamte Erzählung prägt. Es ist der Ton eines fantasievollen Kindes, das ganz unbefangen und unreflektiert die großen Fragen des Lebens stellt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wer kommt ins Paradies? Was ist und wie weit geht Liebe? Gibt es die Möglichkeit des Friedens auf Erden? Was ist gut und was ist böse? Die philosophische Kraft und erzählerische Schönheit und Leichtigkeit dieses Debütromans kann uns erwachsene Leser an die Geschichte des kleinen Prinzen Le Petit Prince (1943) von Antoine Saint-Exupéry erinnern, mit dem sich die noch junge Autoren Lorenza Gentile durchaus messen lassen kann. Teo ist ein achtjähriger Junge, der unter dem ständigen Streiten seiner Eltern und der pubertären Derbheit seiner älteren Schwester Mathilde leidet. „Aber selbst wenn ich herausfinden würde, dass alle Eltern auf der Welt so streiten wie meine, würde ich mich wahrscheinlich nicht besser fühlen“ (S. 18) Deshalb will Teo diese Ehe seiner Eltern retten, um für sie und für sich Liebe und Frieden zu finden. Seine Eltern schenken ihm ein Buch über Napoleons Abenteuer und Teo beginnt begeistert zu lesen, weil Geschichte und Helden wie Napoleon ihn am meisten interessieren. Als ein Kind der heutigen Zeit versucht Teo nun über das Internet, über Google, Antworten auf seine Fragen an das Leben zu finden. Fast unglaublich wirkt die virtuelle und völlig undramatische Recherche Teos nach Möglichkeiten des Suizids, denn wie es der erste Satz bereits erzählt, muss Teo sterben, um Napoleon treffen zu können. Bis zu seinem Tod plant Teo nicht mehr als fünfzig Stunden. Wenn es nicht schon der erste Satz dieses Buches war, der uns Leser gefesselt hat, dann geschieht dies spätestens mit dem Aufbau dieses Spannungsbogens nach nicht einmal ganzen zwei Seiten. Napoleon, der nie eine Schlacht verloren hat, wird für Teo in seiner Stärke zu einem Vorbild und einem Orientierungspunkt. Vielleicht, denkt sich Teo, kann er von Napoleon lernen, wie man Schlachten gewinnt, denn auch Teo fühlt sich mitten in die Schlachten des täglichen Lebens gestellt. Statt des Friedens und der Liebe, nach der er sich sehnt, wächst die Einsamkeit die Teo inmitten seiner Familie und seines Umfelds empfindet. Bevor sich Teo tatsächlich auf den Weg zur Insel Sankt Helena macht, wo Napoleon gestorben ist, also bevor Teo die Reise seines Todes antritt, begegnet er Napoleon ganz anders als er gedacht hat und bekommt ganz andere Antworten als er sie je bei Google hätte finden können.

Dieser einfühlsame und eindringliche Roman, der das Tabu der Schattenseiten und Abgründe des vermeintlich immer nur schönen und vom Wohlstand gesättigten Lebens vieler Kinder der heutigen Zeit bricht, sei unbedingt empfohlen. Darüber hinaus sei geraten, diese junge erfolgreiche Autorin auch in Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren: Lorenza Gentile wurde 1988 in Mailand geboren und hat sich schon sehr früh für Literatur und Theater zu interessieren begonnen. Sie studierte „Drama and Theatre Arts“ bei Goldsmiths an der Universität London und besuchte 2011 für ein Jahr die „L’École Internationale de Théâtre Jacques Lecoq“ in Paris. Sie arbeitet als Autorin von Romanen, Kurzgeschichten und Bühnenstücken. Lorenza Gentile sticht auch durch ihre Doppelbegabung als Schriftstellerin und bildende Künstlerin hervor: Sie schreibt nicht nur, sondern zeichnet, malt, gestaltet Collagen. Gentiles erster Roman wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Wer Lorenza Gentile näher kennenlernen möchte, kann ihre Homepage besuchen: http://www.lorenzagentile.com/index.php/en/ 

Auf der Seite des dtv-Verlages gibt es eine Leseprobe dieses Romans und ein Interview mit der Autorin: http://www.dtv.de/special/lorenza_gentile_teo/2219/



Lorenza Gentile: Teo, aus dem Italienischen von Annette Kopetzki, 
München: dtv 2015. 200 Seiten. 18,90 €



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